1991 Fachblatt Musikmagazin

1991-Fachblatt-Musik-MagWHITNEY HOUSTON

Auch wenn sie in den letzten Wochen und Monaten immer wieder unter heftigen Kritikerbeschuß genommen wurde, das Publikum liebt sie nach wie vor. Ein Blick auf die Hitparaden dieser Welt zeigen schnell, daß auch ihr drittes Album mit dem verheißungsvollen Titel “I’m Your Baby Tonight” die Tradition seiner Vorgänger fortsetzt: Millionenverkäufe, Gold- und Platinalben direkt im Dutzend. Doch als gute Amerikanerin reicht ihr das natürlich nicht und hat deshalb schon andere Eisen im Feuer.

Von Teddy Hoersch

Auf deinem aktuellen Album I´M YOUR BABY TONIGHT arbeitest Du erstmals mit dem Produzententeam L.A. Reid und Babyface zusammen. Wie kam es dazu und was hattest Du damit im Sinn?

L.A. Reid und Babyface habe ich ausgeguckt, weil sie einen Sound haben, mit dem ich mich indentifizieren kann. Außerdem sind sie die besten, wenn es darum geht, den Dancefloor zu füllen. Ich dachte mir: Okay, sie sind genau die richtigen. Was mir besonders gefällt ist, daß sie nicht nur die besten Grooves draufhaben, sondern auch auf den Text und die Melodie achten. Es ist nicht bloß dieses irgendwann einmal entnervende “Bumm Bumm”, sondern es sind – abgesehen von aller Tanzbarkeit – auch Songs. Es gibt auch andere Produzenten in diesem Genre wie z.B. Teddy Riley, dessen Arbeit ich sehr schätze, aber bei L.A. und Face ist garantiert, daß auch die Texte etwas bedeuten. Es wurde also ein Meeting einberaumt, wir trafen uns, und die Devise war: Gut, dann laßt uns tolle Musik machen.

Aller guten Dinge sind drei. Hast Du bei der Produktion dieses dritten Albums einen besonders großen Erfolgsdruck empfunden ?

Nein, das eigentlich nicht. Der Druck bestand darin, daß ich wieder Tritt fassen mußte. Die Pause zwischen den Alben wird mit drei Jahren angegeben. Das stimmt nur für die Öffentlichkeit. Für mich war die Pause – vor allem zwischen den Singles – wesentlich kürzer, vielleicht anderthalb Jahre. Trotzdem: Da lag das kleine Problem. Wenn man mal ausgesetzt hat, braucht es Zeit, um wieder den richtigen Rhythmus zu finden. Man ist ausgekühlt, hat sich entspannt, konnte mit Freunden rumhängen, Zeit mit der Familie verbringen, mit dem Freund. Ich hatte endlich die Gelegenheit, faul zu sein. In diesem Punkt hatte ich etwas zu bedenken: Würde ich wieder richtig reinkommen in den Rhythmus?

In einem Interview mit einer amerikanischen Zeitung hast Du gesagt, daß die Gefahr bestünde, ein Monster zu werden, wenn man einen solchen Mega-Erfolg habe bzw. gehabt habe wie Du. Was tust du gegen dieses “Dr. Jekyll und Mr. Hyde”-Syndrom?

Ja, die Gefahr besteht, daß einem alles über den Kopf wächst, daß man ein widerliches Monster wird, mit niemandem mehr zusammen sein möchte. Die andere Möglichkeit ist mir passiert: Man zieht sich zurück, isoliert sich…

Kannst Du noch jemandem offen entgegengehen ? Faßt Du schnell Vertrauen zu anderen?

Ich versuche es. Ich versuche es wirklich, aber es ist enorm schwierig, schwierig, weil man in meiner Position immer etwas mutmaßt. Man denkt, die anderen wollen deine Nähe, weil Du berühmt bist. Ich würde den Menschen gern vertrauen, aber in dieser Beziehung geht einem doch sehr viel durch den Kopf. Ich bin ehrlich gesagt auch gar nicht auf der Suche nach neuen Freunden. In der Bibel heißt es: Der, der Freunde hat, muß Ihnen erst mal mit Freundschaft entgegenkommen. Ich bin von Hause aus ein freundlicher Mensch, aber man muß in meiner Lage doch sehr vorsichtig sein, mit wem man sich einläßt.

1991-Fachblatt-Musik-Mag2Kannst Du denn noch einfach so zu einer großen Party gehen, in eine Discothek, ohne Leibwächter, ohne nach Autogrammen gefragt zu werden?

Nein, das ist ein für allemal vorbei. Das kannst du vergessen.

Bedauerst Du das manchmal?

Ja, manchmal schon…

Verkleidest Du Dich, wenn Du einkaufen gehst?

Nein, ich versuche, normal zu sein und zu bleiben. Die meisten Leute erwarten sowieso nicht, mir zu begegnen. Darum kann ich manchmal schon ausgehen, ohne bemerkt zu werden. Jedenfalls glaube ich das, aber meine Assistentin sagt immer, daß ich ein Gesicht habe, an das sich die Leute erinnern. Es ist schon passiert, daß ich ungeschminkt, in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen ausging und dachte: So erkennt Dich niemand. Und dann drehen sich die Leute um und sagen: Hi Whitney! Und ich bin verwundert: Wie kommt´s, daß sie mich erkennen. Zum Thema Leibwächter: Die brauche ich nicht immer. Ich kann und will schon noch vor die Tür gehen ohne sie. Ich will mich immer noch wie ein Mensch fühlen können.

Die generelle Frage: Wohin soll es gehen, wenn man wie Du sieben Nummer-Eins-Hits in Folge verbuchen konnte und Millionen Platten verkauft hat?

Gute Frage. Das weiß ich auch nicht ?! Eine Zielvorgabe, die wenig mit Verkaufszahlen und meßbarem Erfolg zu tun hat, ist: Ich möchte irgendwann selbst Songs schreiben. Ich weiß, die Zeit wird kommen. Momentan kann ich besser interpretieren als schreiben, aber ich möchte in puncto Songschreiben unabhängig werden. Ich bin sehr daran interessiert, meine Gefühle in Liedern festzuhalten, aber zur Zeit gelingt es mir besser, die Songs anderer Komponisten darzustellen. Was man richtig stellen sollte: Man denkt, daß ich nur ins Studio komme, um die Vocalparts zu singen. Das stimmt nicht! Ich bin von Anfang an dabei und entscheide mit über das Wie und Was. Wir diskutieren die verschiedenen Mischungen usw. Ich habe ein sehr gutes Gehör, und weiß im übrigen genau, was ich hören will, was ich brauche, um richtig loszulegen zu können. Außerdem möchte ich gern Filme drehen, schauspielern. Das ist der nächste große Schritt.

Stichwort: Hollywood. Es heißt, du hättest einen Development Deal mit der 20th Century Fox.

Ja, der Name ist in diesem Fall Programm. Der Development Deal sieht vor, daß man die Filmkarriere langsam und mit aller gebotenen Vorsicht entwickelt.1991-Fachblatt-Musik-Mag3Ich habe nicht vor – wie das so oft mit anderen Popstars geschah – als Sängerin eine Fünf-Minuten-Rolle zu spielen. Der Vertrag ist auf meine Bedürfnisse zugeschnitten. Ich kann alle Drehbuchangebote ablehnen und werde nur dann mein OK geben, wenn ich das Skript wirklich mag. Das Filmgeschäft, obwohl in vielerei Hinsicht dem Musikbusiness ähnlich, gehorcht doch anderen Regeln. Ich will´s einfach versuchen.

Hast du denn schon ein Drehbuch gelesen, das Deinen Vorstellungen entsprochen hat?

Ja, es gibt ein Skript, daß ich toll finde und ich sage mal vorsichtig: Diesen Film werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach auch machen.

Kannst du schon mehr erzählen oder verraten?

Hm, soll ich das tun ? Ich kann dir nur soviel verraten: Der Star des Films ist Kevin Costner. Ich habe an der Gerüchtebörse gehört, es sei der schwarze Adonis Denzel Washington ? Ja, da ist was dran. Es gibt noch ein anderes Drehbuch, das in Erwägung gezogen wurde. Es sieht vor, daß Robert de Niro, Denzel Washington und ich die Hauptrollen übernehmen. Das Drehbuch basiert auf einem Buch einer schwarzen amerikanischen Schriftstellerin und heißt “Disappearing Acts” (1).Bislang hat noch keiner ja gesagt – weder Robert de Niro noch Denzel Washington…

Angenommen, die Kriegsgefahr am Golf ließe sich nicht auf diplomatische Wege lösen, und es käme zu einer militärischen Auseinandersetzung, würdest Du in solch einem Fall für die Truppenbetreuung zur Verfügung stehen und dort vor den GIs auftreten?

Wieso fragst Du das? Es ist wirklich seltsam, aber es gibt eine offizielle Anfrage mit genau diesem Inhalt. Das “Okay, ich komme” ist leichter gesagt als getan. Es bedarf genauer Planung und Vorbereitung. Ich täte es gern, kein Zweifel, aber es ist natürlich gefährlich. Ich habe wohl einige Fans unter den GIs und natürlich vermissen sie ihre Heimat und würden sich über alles freuen, was sie daran erinnert.

Wo wir beim Thema sind: Ängstigen Dich solche Ereignisse?

Sicher. Die Jungs am Golf sind Söhne irgendwelcher Mütter. Allein das ist beängstigend, wenn man sich nur diese rein persönlich-menschliche Perspektive vor Augen hält. Allein daran zu denken, daß es zum Kampf kommt, macht mir Angst, denn dann ginge es nicht ohne Verluste ab. Und wenn ich mich dann in die Position einer solchen Mutter hineinversetze, dann ist dies das nackte Grauen.

Nicht im militärischen Sinne – aber kannst Du auch schon mal richtig “tough”, richtig forsch sein?

(Fragt reihum ihre Assistentinnen, die allesamt “Yeah, yeah” murmeln.) Sie müssen es wissen. Sie können die Frage besser beantworten als ich.

Sammelst Du irgend etwas?

Ja, Kristalle und Skulpturen eines Bildhauers, der dunkelhäutige Menschen darstellt.

Wo hängen Deine Gold- und Platinalben, wo bewahrst Du deine Trophäen und Auszeichnungen auf?

Ich habe im Souterrain meines Hauses eine gläserne Vitrine, wo all die Trophäen und Auszeichnungen stehen. Dort hängen auch alle Edelmetallplatten. Ich wollte nicht, daß sie verstreut im Haus herumhängen.

Man weiß, daß Du in punkto Benefiz sehr aktiv bist. Ist das ein Versuch, etwas zurückzugeben?

Ja sicher. Zunächst einmal ist es ein Art Dankeschön für die Talente, die ich abgekommen habe. Dann natürlich auch ein Dank an die Fans, die mich soweit gebracht haben. Ich hatte schon enormes Glück. Es ist für mich eine echte Verpflichtung, denen zu helfen, die in Not sind. Es geht nicht nur darum, daß man ein Popstar, ein Entertainer, ein reicher Glückspilz ist, sondern es geht auch darum, das bißchen, was man verändern kann, zu verändern. Mein Beitrag ist letztlich nicht so groß, aber Popularität ist eine echte Macht. Man ist fast in der Position eines Politikers. Man kann etwas bewegen.

Whitney Houston for President!

(grinst) Wenn ich kanidieren würde, hätte ich vielleicht gar nicht mal so schlechte Karten! Spaß beiseite. Ich versuche diese Macht der Popularität positiv zu nutzen. Es wäre total egoistisch, nichts von dem zurückzugeben, was ich bekommen habe. Mich hat man reichlich beschenkt.

Nehmen wir mal das Allerschlimmste an: Du würdest deine Gesangsstimme verlieren. Was würdest Du dann tun? Gäbe es einen Beruf, den Du ausüben wolltest?

(verzieht das Gesicht) Also ich will wirklich nicht hoffen, daß dieser Fall eintritt, aber wenn, dann arbeite ich höchstwahrscheinlich mit Kindern, denn sie sind, abgesehen von Tieren, die hilflosesten Wesen auf der Erde. Ich würde mit taubstummen Kindern arbeiten wollen. Sollte ich meine Stimme verlieren, was der liebe Herrgott verhindern möge, dann wäre das mein Job.

Letzte Frage: Bist Du glücklich?

Hm, ich bin sowohl als auch. Einmal bin ich glücklich und ein anderes Mal traurig, aber ich empfinde eine tiefe und große Freude in meinem Leben. Glück und Freude sind sehr unterschiedlich. Glück kommt und geht. Es gibt Zeiten, wo ich ganz oben und andere, wo ich ohne ersichtlichen Grund ganz unten bin. Ich bin nie depressiv. Manchmal sind die Batterien leer. Aber Depressionen – nie!

(1) Anmerkung von whitney-fan.de: Autorin des Buchs “Disappearing Acts” (erschienen im August 1989) ist die amerikanische Schriftstellerin Terry McMillan. Weitere Veröffentlichungen: “Mama”, “Waiting to Exhale”, “Breaking Ice:An Anthology of Contemporary African-American Fiction” (Editor), “How Stella Got Her Groove Back”, “A Day Late And A Dollar Short”.”Disappearing Acts” wurde 2000 als TV-Spielfilm mit Sanaa Lathan und Wesley Snipes in den Hauptrollen verfilmt.
[Quelle: Fachblatt Musik Magazin | Ausgabe Nr.2/1991 | Vielen Dank an Sabine ]