1992 BAD Magazin

Es gibt Künstler, über die man immer schreiben könnte. Nicht, daß sie mehr oder anderes oder wichtigeres als ihre Kollegen zu erzählen hätten – der Reiz einziger Gespräche definiert sich für Schreiber wie Leser über stinknormale Marktgesetze. Whitney Houston gilt wie viele andere große Stars als nicht sehr interview-enthusiastisch, und deswegen sind wir natürlich ein bißchen stolz auf unseren Mitarbeiter Ssirus W. Pakzad, daß er mit der frisch verheirateten Chanteuse ein für 1992 und diesen unseren europäischen Kontinent exclusives Tête à Tête in New York genießen durfte. (Vergleiche bitte auch das Interview mit ihrem Liebsten, Bobby Brown, in der letzten BAD!)

Du hast jetzt bei “Bodyguard” erstmals in einem Kino-Film mitgespielt. Wie unterschiedlich ist die Vorbereitung darauf im Vergleich zur Musik?

So gravierend ist sie nicht. In der Musik bewegt sich im Vergleich zum Film alles viel schneller. Kevin Costner sorgte beispielsweise dafür, daß wir wenigstens zwei Wochen vor Drehbeginn Proben hatten, bei denen wir jede einzelne Szene durchgegangen sind. Das Team wollte, daß ich mich wohl fühle und die Entstehung eines Films richtig verstehen lerne, daß ich merke, wo man sich Freiheiten herausnehmen kann und wo nicht. Der Unterschied zwischen Filmarbeit und Musik besteht auch darin, daß du beim Film dauernd warten mußt. Manchmal verbringst du fünf Stunden auf dem Set, bevor du dran bist. Oder es passiert dir, daß sie zu dir kommen und sagen, “wir drehen Deine Szene heute nicht, Du kannst nach Hause gehen.” Für mich war das etwas ungewöhlich. Ich war es gewohnt, ins Studio zu kommen, meinen Part zu singen und wieder nach Hause zu gehen.

Du hast auch sechst Stücke für den Soundtrack zum Film eingesungen.
Unterscheiden die sich in irgendeiner Form von der Musik, die Du bislang gemacht hast?

Sie sind sehr film-orientiert, natürlich. Sie sind auch sicherlich anders als das, was ich sonst mache. Jeder Song mußte halt in eine bestimmte Szene hineinpassen, und das war mir bewußt.

Da Du eine berühmte Sängerin spielst, könnten einige Leute denken, hier würde Whitney Houstons eigenes Leben verfilmt. Wie unterscheidet sich die dargestellte Person von Dir, und was hast Du getan, um Vergleiche mit der eigenen Person zu verhindern?

Ich fand an dieser Rolle besonders reizvoll, daß ich die Frau so gut verstehe. Ich wußte, was mit ihr passiert, weil sie berühmt und beliebt ist und welchen Dingen sie sich deswegen aussetzen muß. Aber trotzdem sind wir wirklich sehr verschieden. Rachel ist eine etwas übertriebene, auffällige Person. Sie liebt das, was sie macht, und auch das ganze Drumherum. Ich liebe das Show-Business sicher auch, aber ich lebe es nicht. Sie liebt Menschenmengen, liebt es, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und im Mittelpunkt zu stehen. Ich bin zurückgezogener, und wenn ich schon mal bei öffentlichen Anlässen zugegen bin, möchte ich nicht unbedingt permanent im Blickfeld stehen. Ich bin schon berühmt und muß es schließlich nicht erst werden. Rachel versucht alles, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Alle Menschen, die mich ein bißchen kennen, und sicher auch meine Fans werden mich nicht mit ihr verwechseln können.

Wo wir gerade vom Ruhm sprechen: Es ist doch wohl heute für Dich fast unmöglich, echte Freunde zu finden, weil es ganz offensichtlich ist, was die Leute von Dir wollen, wenn Sie nett und höflich zu Dir sind. Welche Aufgaben muß jemand meistern, damit Du ihn oder sie als richtigen Freund anerkennen könntest?

Zuerst einmal habe ich keine Freunde, die sich irgendwie Gunst erschleichen wollen. Zum anderen suche ich auch nicht unbedingt nach neuen. Die Freunde, die ich habe, bleiben es auch, und ansonsten rekrutiere ich nicht ständig Freunde in spe. Meine echten Freunde hatte ich bereits, bevor ich bekannt wurde, und die behandeln mich heute nicht anders als damals. Einige habe ich allerdings durchs Business kennengelernt, z.B. Pebbles und Jasmine Guy. Und natürlich die Winans, aber die sind schon fast Familie, das geht über Freundschaft hinaus. Und mein neuester Freund ist mein Ehemann Bobby Brown. Ich weiß leider zu gut, wieviel Leute voller Scheiße stecken, und damit möchte ich nicht unbedingt umgehen müssen. Ich habe einen gewissen Respekt und freundliche Umgangsformen für einen jeden übrig, auch wenn er nicht echt erscheint.

Könnte es sein, daß das mit Bobby und Dir passiert ist, weil Ihr in einer vergleichbaren Situation seid, beide berühmt, beliebt und reich, und der eine keinen Vorteil aus der Beziehung zum anderen ziehen kann außer ehrlicher Zuneigung?

Das ist sicher einer der Gründe, warum wir unbefangen Freunde wurden. Man muß sich als Freund erweisen, um Freunde zu erlangen – das ist ein Bibel-Zitat. Wir hatten keine Pläne, als wir uns trafen. Ich wollte nicht an seiner Seite sein, weil er der tolle Bobby Brown ist, und er nicht an meiner, weil ich Whitney Houston heiße. Wir mochten uns einfach. Also haben wir uns gesagt: Sehen wir mal, was passiert. Wenn wir nicht zusammenpassen, sollten wir wenigstens Freunde bleiben. Gottseidank liebt mich Bobby, so wie ich bin, und ich ihn so, wie er ist. In unserer Beziehung gibt es keinerlei Geheimplan, wie der eine den anderen ausnutzen will. Und das ist ein enormer Vorteil.

Ich habe aber gehört, daß ihr euch anfänglich gar nicht so grün wart. Hat es eurer Beziehung geholfen, daß ihr drei Jahre gebraucht habt, um sie dahin zu bringen, wo sie jetzt ist?

Ich dachte zuerst, er möge mich nicht und umgekehrt. Das hatte wohl mit unserem jeweiligen Image zu tun. Er hatte dieses B-Boy-Image, und ich besaß auch ein etwas sonderbares. Und wahrscheinlich dachten wir auch voneinander, daß jeder auf einen anderen Typ Mensch steht. Aber ich muß sagen: Mich machte das eher noch neugieriger. Ich habe Bobby fast dazu gebracht, mich kennenlernen zu wollen. Ich bin immer neugierig, wenn jemand eine falsche Vorstellung hat, nur weil er Rückschlüsse aus dem zieht, was er äußerlich sieht. Ich dachte mir: Soll er mich mal wirklich kennenlernen. Wenn er mich dann immer noch mag, kann ich auch damit leben.

Tu mir den Gefallen und beschreib uns doch deinen Bobby in eigenen Worten.

Das, was ich am meisten an ihm mag, ist seine Ehrlichkeit. Die meisten Männer, die mit mir ausgegangen sind, hatten irgendwo Angst vor mir. Sie wußten nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten. Sie schüren zudem ihre Vorurteile. Und Bobby tat das nicht. Er nahm mich einfach an den Arm und sagte (legt einen harten Tonfall an): “Hey, wollen wir essen gehen oder ins Kino? Na, dann mal los.” Er war einfach so offen und ehrlich. Ich spüre sofort, wenn jemand echt ist. Bobby weiß, wer in der Öffentlichkeit steht, aber das hat keine Auswirkung auf sein Verhalten privat. Er weiß, was seine Karriere fordert, aber er möchte auch nicht in einer Luftblase leben. Das ist uns gemeinsam. Was ich außerdem an ihm liebe, ist seine Fürsorge, nicht nur seinen Freunden und Mitarbeitern gegenüber, was ja wirklich selten ist. Bobby Brown ist wirklich der erste Mann, der wußte, wie er mich zu nehmen hat.

Du hast ja schon ein paarmal erwähnt, wie häufig Leute eine falsche Vorstellung von Dir haben. Wie möchtest Du denn, daß Dein Image nach außen aussieht?

(energisch) Ich möchte gar kein Image! Ich bin kein Gimmick und auch kein Image. Ich bin eine Sängerin. Und ich singe von Herzen. Und Gott hat mir dieses Talent gegeben. Ich liebe meinen Job und liebe es, Menschen glücklich zu machen. Ich möchte respektiert werden für das, was ich bin. Es interessiert mich mittlerweile einen Scheiß, was die Zeitungen über mich schreiben, obwohl ich genau weiß, warum sie das tun. Aber die kennen mich ja nicht einmal. Also müssen sie ein Image erfinden.

Ich wollte Dich mit der Frage keineswegs in irgendeine Ecke drängen, deshalb stelle ich sie nochmal anders. Was für Stärken und Schwächen glaubst Du zu haben?

Ich glaube, meine Schwäche ist die Liebe und meine Stärke ebenso. Wenn ich liebe, dann richtig. Und das kann sehr gefährlich sein. Deshalb habe ich wahrscheinlich auch solange gebraucht, um die richtige Person zu finden. Ich bin jetzt stolz, Misses Bobby Brown zu sein.

Du hast alles erreicht, bist aber erst 29. Da wird dir der Himmel noch offen stehen. Was tust Du, um ihn dir offen zu halten?

In der Musik kann man glücklicherweise unendlich weit gehen. Ich bin schon ein paarmal an der Spitze gewesen, habe dabei viel Geld verdient. Aber ich frage mich ernsthaft, was ich noch erreichen kann. Eine neue Nummer eins? Einen weiteren Grammy? Noch einen American Music Award? Ich muß mich nicht mehr beweisen, ich bin zufrieden. Ich muß meine Erfolge nicht wiederholen.

Ich wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus. Kannst Du dir vorstellen, dich musikalisch drastisch zu verändern?

Ja, ich möchte jetzt endlich mal das Gospel-Album aufnehmen, das mir schon so lange vorschwebt, eine Art Gospel-Oper. Ich möchte Gospel nach vorne bringen, weil sie zu den Wurzeln der schwarzen Musik gehört. Es interessiert mich nicht mal besonders, ob diese Idee besonders marktfreundlich ist. Was das andere anbetrifft, die Schauspielerei, kann ich nur sagen: “Hey, Hollywood scheint mich zu mögen.” Also auch da ist hoffentlich noch Entwicklung möglich.

Du scheinst dich damit immer mehr in Richtung Entertainer zu entwickeln…

Ja, so habe ich mich immer gesehen. Aber das Singen ist mein wichtigstes Utensil. Ich glaube kaum, daß meine größte Tugend darin besteht, meinen Arsch und meine Titten zu schütteln. Meine Stimme ist mein Kapital.

[Quelle: BAD Magazin 1992, vielen Dank an Conny für die Leihgabe!]